Wenn Deutsche, Engländerinnen oder Neuseeländer in Prag ein Bier bestellten, beschweren sie sich erst über den vielen Schaum und zu wenig Bier. Da rollt der tschechische Wirt nur mit den Augen. Außerdem sollte man auch nie ein Radler bestellen (das ist stark verunreinigtes Bier und somit ein Angriff aufs böhmische Kulturgut. Und beim Biertrinken darf man niemals über Politik sprechen. Das ist das Unhöflichste und Cringeste, was man beim Genuss des Gerstensafts machen kann. Und so wird das auch in der tschechischen Kneipe in Pankow gehandhabt).
Aber jetzt für alle, die mal nach Prag oder sonst wohin nach Tschechien fahren: Nicht über zu viel Schaum beschweren!
Merkt euch am besten Folgendes:
In Tschechien ist die Art, wie Bier gezapft wird, ein zentraler Bestandteil der Bierkultur. Es gibt verschiedene Methoden des Zapfens, die bewusst den Schaum betonen, da dieser als entscheidender Qualitätsfaktor gilt.
Schaumkrone:
Frischer Schaum schützt das Bier.
Der dichte, cremige Schaum als „Deckel“, der das Bier vor Sauerstoff schützt, damit es nicht so schnell schal wird. Dadurch bleibt das Aroma länger erhalten. Der Schaum hat eine samtige Konsistenz und trägt Bitterstoffe, die dem Bier dazu auch noch ein ausgewogenes Geschmacksprofil verleihen.
Eine wunderschöne, volle Schaumkrone gilt als Zeichen eines guten Bieres und eines fähigen Zapfers. Was im Bergheim der DJ, in der tschechischen Kneipe der Zapfwirt.
In Tschechien gibt es verschiedene Arten des Zapfens:
„Hladinka„: Ein Bier mit einer perfekt ausbalancierten Mischung aus Schaum und Flüssigkeit.
„Šnyt„: Weniger Bier, mehr Schaum – oft als kleine Kostprobe.
„Mlíko„: Fast nur Schaum, der süßlich und weich ist, wird schnell getrunken. Das ist sozusagen der Absacker. Der Shot. Da muss man keinen Schnaps bestellen. Da bestellt man ein Mlíko.
Ein Tipp für diejenigen, die sich über zu viel Schaum beschweren: Geduld haben. Wenn das Bier nach dem Servieren kurz ruht, passiert nämlich Folgendes:
Die Kohlensäure entweicht. Die Bläschen im Schaum zerplatzen, weil die Kohlensäure langsam aus dem Bier diffundiert. Der Schaum verliert dadurch Stabilität. Die Flüssigkeit im Schaum sinkt zurück. Dann hat man automatisch dreiviertel Bier und viertel Schaum im Glas und genau jetzt ist es am angenehmsten zu trinken. Und sieht auch wider voller aus, denn es ist ja auch irgendwie voller.
Bekömmlichkeit
Das tschechische Bier scheint bekömmlicher zu sein als die meisten deutschen Biere. Das liegt wohl daran:
Reinigung der Zapfanlage.
In Tschechien sind die Leitungen in vielen Kneipen kürzer als z. B. in Deutschland und werden von den Böhmen als „gute Kneipen“ bezeichneten Lokalen nach jedem Fasswechsel mit heißem Wasser gereinigt. Das sorgt dafür, dass keine alten Bierreste die Qualität des nächsten Bieres beeinträchtigen und dass das Bier immer frisch und unverändert bei der richtigen Temperatur gezapft wird. Wirte in Deutschland haben mir zwar gesagt, das wäre unmöglich, aber ich habe das in Prag, besonders in den kleinen Kneipen, schon oft gesehen. Die Wirte dieser Lokale schütteln nur den Kopf , wenn man ihnen sagt, dass deutsche Wirte das nicht machen. Dann sagen sie: „Dort haben sie kein gutes Bier!“ (Also wörtlich übersetzt aus dem Tschechischen und bedeutet so viel wie: „Dort gibt es kein gutes Bier!“)
In Deutschland wiederum sind die Leitungen in der Regel länger, hat aber auch mit der Größe der Kneipen zu tun. Das kann natürlich auch in Prager Touristenhotspots passieren. Laut der deutschen Lebensmittelhygiene-Verordnung (LMHV) wird empfohlen, die Leitungen alle 7 Tage chemisch zu reinigen. Und so wird das meistens gehandhabt. Meistens auch in den Prager Touristenhotspots.
Qualität.
In Tschechien wird Bier immer noch nach traditionellen Methoden gebraut, mit einem Schwerpunkt auf hochwertigen, lokalen Zutaten wie Malz, Hopfen und Wasser. Zusatzstoffe oder Konservierungsmittel sind kaum oder gar nicht vorhanden, wie bei industriell gebrautem Bier in anderen Ländern.
Die meisten tschechischen Biere (z. B. Pilsner) sind untergärige Biere. Diese Fermentation bei niedrigen Temperaturen kann Nebenprodukte wie Fuselalkohole reduzieren, die sonst zu einem Kater beitragen.
In Tschechien wird Bier frisch gezapft und hat eine kürzere Lagerzeit, was die Qualität und Verträglichkeit verbessern kann. Frisches Bier enthält weniger oxidierte Verbindungen, die den Körper belasten könnten. Der Schaum reduziert die CO₂-Aufnahme. Der dichte Schaum bindet einen Teil der Kohlensäure, was Blähungen oder Unwohlsein reduziert.
Zudem ist die Qualität des Wassers entscheidend. Tschechisches Wasser ist bekannt für seine weiche Beschaffenheit, die sich positiv auf den Geschmack und die Bekömmlichkeit des Bieres auswirkt.
Trinkkultur:
Kleiner, häufiger Nachschank. In Tschechien wird Bier in kleineren Mengen und frisch gezapft serviert. Dadurch bleibt das Bier immer frisch und sehr kühl, was angenehmer für den Körper ist.
Vergleich zu Deutschland:
Obwohl der Alkoholgehalt meistens ähnlich ist (bei einer Stammwürze von 12°), wird in Tschechien oft langsamer getrunken, so gut wie immer kombiniert mit Essen (Utopenci, Dábelský Toast,Smažák, Řízek etc.) . Das verhindert, dass der Alkohol schnell ins Blut übergeht und den Körper belastet. Dazu tragen aber auch die kürzeren Leitungen bei, die nach jedem Fasswechsel gereinigt werden.
Stammwürze:
Der Gärungsgrad und die sogenannte Stammwürze (in Grad Plato, wie 10°, 11°, 12°, 13°) spielen eine wirklich wichtige Rolle bei der Herstellung und dem Geschmack von tschechischem Bier. Diese Werte beschreiben den Anteil an gelösten Feststoffen (wie Zucker) in der Bierwürze vor der Gärung und beeinflussen sowohl den Alkoholgehalt als auch den Geschmack des Endprodukts.
Wenn du weniger Alkohol im Bier haben willst, dann bestellst du „eine 10er“ (ja, im Femininum ist richtig – „desítku“).
Der Wert in Grad Plato gibt an, wie viel Zucker in der Würze vor der Gärung vorhanden ist. Dieser Zucker wird während der Gärung durch die Hefe in Alkohol und Kohlensäure umgewandelt. Ein höherer Stammwürzegrad bedeutet tendenziell:
Mehr Alkohol im fertigen Bier, einen volleren, malzigeren Geschmack. Aber ein „schwereres“ Mundgefühl.
Ein tschechisches Lagerbier (Ležák) hat typischerweise eine Stammwürze von 11–12° Plato.
Ein „speciální pivo“ (Spezialbier) kann bei 13° oder höher liegen.
Prost 🍻
(Ur)Quellen:
www.hopculture.com/the-proper-czech-pours-the-best-foam-youll-ever-drink/#google_vignette
https://de.m.wikipedia.org/wiki/Bier_in_Tschechien
https://reisevergnuegen.com/tschechisches-bier-brauerei-tradition/
https://www.travelmagazine.com/posts/how-to-drink-beer-in-the-czech-republic
https://de.m.wikipedia.org/wiki/Zapfanlage
https://getraenkezapfanlagen.net/blog/bierzapfanlage-reinigen-der-leitfaden-zur-richtigen-reinigung
