Ich soll heute wieder etwas Lustiges auf einer Lesebühne vorlesen. Aber, wie soll mir denn überhaupt etwas Lustiges einfallen, wenn mein eigenes Leben gerade als eine kleine – psychisch und physisch – verstörende Katastrophe bezeichnet werden könnte?
Letztens bin ich z. B. fast verblutet, weil sich ein Thymianstängel mit beiden Enden je in der Speiseröhre und im Gaumen verhakt hatte. Als ich ihn rausgezogen hatte, spritzte plötzlich massenhaft Blut aus beiden Einstichen. Es spritzte so ähnlich wie aus dem abgeschlagenen Arm des Schwarzen Ritters in Monty Pythons Ritter der Kokosnuss.
Darüber lachten wir doch damals. Aber eigentlich ist es nicht lustig. Wäre der schwarze Ritter nicht so ein Realitätsverweigerer gewesen, hätte er jetzt mein Mitleid gehabt. Heute können wir mit dem Schwarzen Ritter immerhin das Dunning-Kruger-Syndrom bildhaft erklären.
Während ich so langsam nach und nach ausblutete, rief ich den Notruf und kurz bevor der Krankenwagen kam, hörte die Blutung auf. Typisch, das ist echt immer so: ich habe etwas, gehe zum Arzt und genau dann, wenn ich Untersicht werde, ist es weg. Der Notarzt konnte sich sein Amüsement über den Thymianstängel nicht verkneifen und erzählte mir bei dieser Gelegenheit – wie ich fand unpassend – was sich so manche Menschen in den Anus stecken. Eine gute Freundin, eine Ärztin, lachte sich auch darüber kaputt: denn, welcher Loser ruft schon wegen einem halben Literchen Blut, das aus dem Mund spritzt, den Notarzt? Und eine alte Bekannte, die sich mehr so dem Patriotismus hingibt, schickte mir als Reaktion auf diese Geschichte mehrere Lach-Emojis per WhatsApp. Sie schrieb, dass man doch schon als ein echtes, deutsches Kind lernt , dass man fremdes Essen nicht probieren soll und ich solle lieber bei den einfachen Gewürzen bleiben: Salz, Pfeffer. Kümmel, Knoblauch. Das wäre alles nicht so gefährlich wie Thymian. Als Beispiel für die Gefahr beim fremden Essen nannte sie den japanischen Kugelfisch Fugu.
Aber selbst der ist nichts im Vergleich zu Sannakji. Sannakji gilt nämlich als die tödlichste Speise der Welt. Das ist eine koreanische Delikatesse, die aus lebendigen Langarm-Oktopussen zubereitet wird. Diese werden frisch in Stücke geschnitten und mit Sesamöl gewürzt. Die zerteilten Tentakel bewegen sich auf dem Teller weiter und wenn man sie im Mund hat, hören sie auch nicht auf, sich zu bewegen. Sie können sich in der Mundhöhle, dem Rachen oder der Speiseröhre dabei festsaugen. Jährlich sterben etwa sechs Menschen an dieser Delikatesse. Und in Namibia gibt es die lokale Spezialität Ochsenfrosch. Für uns Mitteleuropäer ist er giftig und der Verzehr kann durch das Frosch-Gift zu Nierenversagen führen. Bestimmt finden Koreaner oder Namibier deshalb einen Mitteleuropäer, der versehentlich einen Thymianstängel mit ißt, so lustig wie wir damals den Schwarzen Ritter.
Aber irgendwie ist das gerade nicht mein Humor und ich glaube nicht, dass sich das für eine Lesebühnengeschichte eignet.
Wenn ich etwas Lustiges auf der Bühne vortragen will, könnte ich eventuell von meinen Dates berichten. Ich kenne schließlich einige Autorinnen und Autoren, die auch Single sind oder waren, und über die Tragikomik des regelmäßigen Datings schreiben. Doch die Absurditäten des Berliner Datings behalte ich lieber für mich, bevor mich wieder irgendein ganz plötzlich aufgetauchter Ehemann eines Dates recherchiert.
Das Leben bietet mir manchmal kaum Möglichkeiten, etwas Lustiges aufzuschreiben. Doch das Leid anderer scheint selbst in der heutigen Zeit, die als woke und rücksichtsvoll bezeichnet wird, bei vielen immer noch als lustig wahrgenommen zu werden.
Um mich für einen lustigen Text inspirieren zu lassen, fragte ich letztens einen Neuseeländischen Comedy-Regisseur, was er denn so am lustigsten findet und er sagte: „Den Klang von Fürzen“.
Doch ich scheine eine andere Art von Humor zu bevorzugen. Weder Schadenfreude, noch Körper-Geräusche sind meine Favoriten für Humor. Obwohl mein Lieblingswitz wirklich sehr albern ist. Es ist sogar ein sogenannter „Deine-Mutter-Witz“, und der geht so:
„Deine Mutter hat so wenig Klasse, sie könnte glatt eine marxistische Utopie sein.“
Gibt es überhaupt Witze über Thymian? Also Dein-Thymian-Witze? Ich habe aus Interesse danach gegoogelt, und das Ergebnis habe ich erst nicht verstanden. Denn die Google-KI fasste ihn so zusammen: „Thymian-Witze gehören in die Kategorie „Pflanzenhumor“.
Interessant. Und dann folgte der angeblich witzigste Thymian-Witz, den es gibt:
„Ich habe keine Zeit“, sagt der gestresste Gärtner und ruft: „Es ist Thymian!“
Hä? Ich musste mir diesen Witz ungefähr zehnmal durchlesen, bevor ich endlich verstanden habe, dass die KI zwischen Englisch und deutsch nicht unterscheiden kann, und dass der Witz im Englischen sogar einigermaßen Sinn macht, auch wenn er sehr schwach ist. Manche lachen über so etwas aber, sonst wäre er nicht angezeigt worden. Und manche lachen eben darüber, dass ein 52-Jähriger Mann aus Versehen fast an einem Thymianstängel stirbt.
Es gibt auch ganz schräge Vögel, die sind so arrogant, dass sie nicht mal darüber lachen können, wenn ihnen jemand rät, Eier zu lecken.
Humor und Humorverständnis sind eben facettenreich. Ich sollte meinen aufgespießten Hals auch mit Humor sehen, und es so handhaben, wie der schwarze Ritter:
Das ist nur eine Fleischwunde!