LSD – Liebe statt Drogen – Ich bin dabei

LSD? Bin dabei!

Am 18. Oktober 2025 wurde ich von Ivo Smolak  und Uli Hannemann gefragt, ob ich, zusammen mit Mia Pitroff, neues, festes Mitglied der Lesebühne LSD – Liebe statt Drogen werden möchte.  Obwohl ich etwas beschwipst war, stimmte ich zu. Das gilt bestimmt wie ein amtlich beglaubigtes Dokument. Ich bin jetzt also dabei bei diesem Ensemble! Und kann es auf meine Visitenkarten drucken lassen. Zusätzlich zu meinen anderen Berufen. Ich bin jetzt:
Komponist und Sound-Designer, Filmtonmeister, Vorstandsmitglied Composers Club, Autor, Mitglied bei LSD.

Doch warum drucken lassen? Die Visitenkarte von heute ist Social Media. QR-Code vom profil vorziegen  und schon ist man in Sekunden connected. Das Problem in den sozialen Medien sind nur die drei Buchstaben L, S und D.  Wenn der Algorithmus diese Buchstabenkombination seiht, schrillen die Alarmglcoken und mir wird sofort Drogensucht oder der Aufruf zum Drogenmissbrauch unterstellt. Zu unrecht, denn ich bin ja nicht süchtig nach Drogen, sondern (wie jeder Künstler und jede Künstlerin) nach Liebe. Ja, nach Liebe statt Drogen! Liebe vom Publikum, liebe von den Kolleg:innen und sogar von denen, die immer etwas zu meckern haben. Sollen sie doch auch über mich meckern! Denn nur so erfahre ich die wahre Liebe der Lesebühnen-Reich-Ranickis.

Ganz drogenfrei bin ich allerdings nicht geblieben.

Als gebürtiger Böhme bin ich genetisch einer Drogen verfallen, die in Böhmen kulturell nicht als Droge gilt, obwohl sie eine psychoaktive Substanz mit hohem Abhängigkeitspotenzial enthält.
Wir nennen sie:  Pivo.
Auf Deutsch: Bier.

Sie Substanz ist allgemein bekannt als  Alkohol und der  ist somit eine Droge. Der CSU-Chef, ein Nachbar von mir und Teile meiner Familie würden der Behauptung, dass Bier Alkohol ist, vehement widersprechen. Das wäre für sie genauso unvorstellbar, wie wenn ich behaupten würde, Wiener Würstchen wären Fleisch. Als ich mir in Prag einmal einmal endlich wenigstens ein Gericht ohne Fleisch zum Frühstück wünschte, bekam ich Rührei aus 12 Eiern und als Beilage 4 Paar Wiener Würstchen. Als ich vorsichtig erwähnte, dass ich doch kein Fleisch wollte, wurde ich gefragt, wo sich denn auf dem Teller  Fleisch befinden würde. Da wären doch nur Eier und Wiener Würstchen.

Nicht nur Fleisch und Würstchen, sondern auch die kleine Portion Bier, die wir als Kinder in den 1970ern zum Mittagessen und vor dem Schlafengehen bekamen, wurde eine frühe Liebe. Erfrischend, kühl und der Schaum hatte etwas von Zuckerwatte, nur etwas bitterer.  Durch das frühe Bier entstand bei vielen böhmischen Männern eine Gynäkomastie (oder wie der Kollege Falko Hennig sagen würde: der berühmt berüchtigte böhmische Bierbusen), für den ich mich seit meiner Flucht in den Westen schämte, da er nicht den Schönheitsidealen in der Bravo entsprach. Im Endeffekt gibt es keinen Grund sich dafür zu schämen, schon weil die meisten Böhmen durch das früh zugeführte Östrogen friedlich und liebevoll und meistens keine Machos sind.

Als wir Kinder waren, in Prag, tranken wir nicht nur einen Schluck Bier vor dem Schlafengehen, sondern wir hörten auch gerne Schallplatten von Simek und Grossmann. Das waren zwei Prager Entertainer, die in den 1960ern selbstgeschriebene, lustige, satirische Kurzgeschichten abwechselnd auf der Bühne vorgetragen haben. Zwischen den Texten gab es Livemusik oder kleine Sketche. Die Protagonisten saßen in gemütlichen Sesseln auf der Bühne, auf dem Tisch vor ihnen stand immer ein Glas frisch gezapftes Bier und sie lasen abwechselnd ihre Kurzgeschichten vor, die ungefähr 5 bis 7 Minuten dauerten.

Als Kind lauschte ich diesen Geschichten gerne und fand sie ausgesprochen lustig. Dabei verstand ich die Pointen gar nicht, nicht nur weil ich ein Kind war, sondern weil durch die Zensur gerade die politisch prägnanten Pointen rausgeschnitten hatte. Zum Beispiel endete eine lustige Kurzgeschichte über eine ereignisreiche Straßenbahnfahrt in Prag mit: „Und dann (krrrzzzsss) dankte (krzzzkrrchhrr) dass ich noch am Leben bin“. Ich dachte als Kind, das wäre einer dieser Witze, die nur Erwachsene verstehen und lachte auch darüber, damit niemand  merkt, dass ich den Witz nicht verstanden habe. Das unzensierte Ende  durfte ich dann erst nach der Samtenen Revolution hören:
„Und dann kniete ich in Richtung Sonnenuntergang und dankte Gott, dass ich noch am Leben bin.“

Ich wurde älter, weiser, druffer und zog Mitte der 90er von Gießen nach Berlin. Dort entdeckte ich die Berliner Lesebühnen. Ich besuchte sie regelmäßig und fühlte mich von dem Konzept an die alten Platten von Simek und Grossmann erinnert. Die Künstler, die auf den Berliner Lesebühnen auftraten, erinnerten mich in ihrer Ar der Darbietung und ihrem Humor an authentische, Berliner Versionen von Simek und Grossmann.

Jetzt, mehr als 25 Jahre später, mit gerade mal 52 Jahren, stehe ich seit  acht Jahren regelmäßig auf der Bühne. Welche Teufel haben mich überhaupt geritten, das zu machen?

Es war die Autorin und gute Freundin Ruth Ruth Herzberg die mich 2017 überredet hatte, meine schon existierenden Texte bei der Kult-Lesebühne „Surfpoeten“ vorzulesen. Und sie musste mich wirklich regelrecht überreden, denn ich habe mich erst gar nicht getraut, meine Geschichten vor einem Publikum zu lesen.

Nachdem ich mich überwunden und bei den Surfpoeten etwas über Schnitzel und Sex gelesen habe, kamen (für mich ganz unerwartet) nach und nach Einladungen von allen möglichen Lesebühnen, als Gast dabei zu sein. Und obwohl ich inzwischen nicht mehr über Sex und Schnitzel, sondern eher über Dates und Döner schreibe, führte mich der Weg auf genau diese eine Lesebühne, die ich in den Nullerjahren mit meiner, leider inzwischen verstorbenen, Ex-Freundin, jeden Dienstag im Zosch besucht habe. Vielleicht mache ich das ja auch irgendwie für sie.

Hoffentlich werden es die Kollegen nicht bereuen, Mia und einen Chaoten wie mich, bei sich aufgenommen zu haben.  Aber immerhin entstehen immer und immer wieder neue, mal mehr, mal weniger lustige, aber fast immer lesenswerte Geschichten, denen das Publikum zuhört. Und öfters als man denken würde, können die Geschichten sogar so lustig sein, wie die Aufzeichnungen von Simek und Großmann. Nur ohne Zensur. Noch. 

 

Jeden ersten und dritten Dienstag im Monat ab 20:00 Uhr im Schokoladen, Ackerstrasse 169, 10115 Berlin, Eintritt: 7 Euro.

Mit Spider, Ivo Smolak, Uli Hannemann, Tube, jeden ersten Dienstag: Mia Pitroff und jeden dritten Dienstag: Richard Błaha (das bin ich)

 

Liebe statt Drogen Website

 

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